Dienstag, 2. September 2008

Das Erbe Pinochets (35. Jahrestag des Putches)

Das Erbe der Diktatur unter Augusto Pinochets (1973-1990) wiegt bis heute schwer. Dazu gehört auch die Privatisierung der Wasservorkommen in den 1980er Jahren, die derzeit mehr und mehr an Brisanz gewinnt und auszuufern droht, da vor allem die Existenz der indigenen Gemeinden der Mapuche infragegestellt wird. Energiekonzerne, wie der multinationale Konzern Endesa besitzen die Rechte an den wasserreichsten Flüssen. Der Mutterkonzern sitzt in Spanien und 36% des Besitzes Endesa Españas in Iberoamerika befindet sich in Chile.

Endesa España, die bereits Staudämme in Chile errichten ließ, will nun den umstrittenen Staudamm des Bío Bío Flusses ausbauen. Zwei Talsperren, Pangue und Ralco, wurden bereits gegen erbitterten Widerstand des Mapuche Volkes ans Netz genommen. Jetzt sind neben dem Ausbau des Bío Bío Staudammes weitere Wasserkraftwerke in Patagonien geplant. Dies würde weitere Zwangsumsiedlungen der Mapuche bedeuten, die ihres angestammten Landes verwiesen, ihrer Tradition auf ihrem Ahnenland beraubt und entwurzelt würden.

Der Energiekonzern Endesa España ist nicht alleine mit seinen Vorhaben, denn ein norwegisches Unternehmen namens SN Power und das australische Unternehmen Pacific Hydro planen im Süden Chiles weitere Mega-Projekte.

Endesa Chile hat mit Unterstützung der Unternehmen Xstrata und Colbún vor, fünf Talsperren an den Flüssen Baker, Simpson und Neef in Patagonien hochzuziehen. Über 6.000 Hektar Land müssen geflutet werden, wobei ökologisch wertvollste Uferlandschaften verschwänden und Teile unberührtester Landschaft zerstört würden. Menschen leben und arbeiten seit Jahrhunderten auf der Fläche, die geflutet werden soll, sie sind auf dieses Land angewiesen.

In diesem Teil Chiles gibt es noch letzte Vorkommen des chilenischen Urwaldes, sowie die reinsten Süßwasservorkommen der Welt. Hier leben noch seltene und bedrohte Tieren, wie das Huelmul, das Wappentier Chiles.

Die Menschen in Chiles Süden leben vom Tourismus. Diese sagenhafte und unberührte Natur ist einzigartig und wegen dieser Einzigartigkeit und Reinheit kommen die Touristen. Die geplante Hochspannungsleitung von etwa 2.200 Kilometer wird durch diese noch reine Landschaft führen, an der entlang eine 120 Meter lange Schneise durch die Natur gerissen werden muss. Wenn dieses Bild der unberührten Natur nicht mehr existiert, bleiben die Touristen weg und die wichtigste Einnahmequelle der Menschen des Südens bricht zusammen. Viele werden arbeitslos und rutschen unaufhaltsam in die Armutsfalle.

Die Organisation zur Verteidigung von Patagonien (Consejo de Defensa de la Patagonia) kämpft gegen diese Zerstörung an. Mehr als vierzig regionale, nationale und internationale Organisationen haben sich zu einer zusammengeschlossen, um mit vereinten Kräften gegen diese Projekte von Endesa España anzukämpfen. Unter anderem erhalten sie Unterstützung von dem Milliardär, Umweltschützer und Gründer der Bekleidungsmarke Esprit Douglas Tompkins. Der kaufte in Patagonien bereits viel Land, um es in Naturschutzparks umzuwandeln.

Die chilenische Regierung steht den Wasserkraftwerken allerdings nicht abgeneigt gegenüber und begründet dies mit dem akuten Stromversorgungsengpass mit dem sich Chile konfrontiert sieht. Durch eigene Ressourcen kann die Stromversorgung bald nicht mehr gedeckt werden und so verweist die Regierung auf die Wasserkraftwerke, die die Lösung des Problems darstellen sollen. Da die Wasserkraftwerke erst 2015 fertig gestellt werde könnten, ist dies eine völlig haltlose Behauptung, die nicht erklärt, warum die vielen erneuerbaren Energien, wie Solarenergie oder Windkraft, nicht in Betracht gezogen werden. Studien beweisen eindeutig, dass erneuerbare Energien viel rentabler, umweltschonender seinen und das dreifache an Energie liefern können, als für die Staudämme berechnet wurde.

Die anderen Projekte, der anderen Unternehmen liegen etwas weiter nördlich. SN Power will die Flüsse Tinguiririca und Azufre benutzen, um dort zusammen mit dem australischen Unternehmen Pacific Hydro vier Wasserkraftwerke zu errichten. In den Bezirken Panguipullis, Futronos und des Lago Ranco wollen SN Power mit dem Unternehmen Hidroeléctrica Trayenko weitere drei Wasserkraftwerke in Betrieb nehmen.

Obwohl die Konzerne, wie SN Power, Verbesserungen der Lebensbedingungen versprechen, sich sogar auf ihre soziale Verantwortung berufen und angeblich mit Menschenrechtsexperten zusammenarbeiten, antworten sie auf den Widerstand der Anwohner, größtenteils Mapuche, mit Einschüchterungsaktionen und Bestechungsversuchen. So heißt es auf der Homepage von SN Power: „Das Konzept der sozialen Verantwortung ist tief verankert in der Philosophie des Unternehmens SN Power. Als langfristiger Investor im Wasserkraftsektor sind wir verpflichtet eine effiziente Anlage zu entwickeln, die auch einen nachhaltige wirtschaftlichen, sozialen und umweltfreundlichen Beitrag der Gesellschaft bringt, in der wir agieren. Wir arbeiten eng mit Umwelt- Menschenrechts- und Entwicklungsexperten zusammen."


Die Mapuche erinnern sich gut an das “Ralco“ Staudamm Projekt. Damals gingen erschreckende Bilder durch die Nachrichten. Verzweifelte Mapuche, die ihr von Endesa ergaunertes Land nicht für den Bau freigeben wollten und Carabiñeros, die mit Waffengewalt eine Hetzjagd lostraten. Nach langer Zeit des Widerstandes gaben auch die letzten indigenen Familien auf, müde des ständigen Drucks und der Angst um ihre Familie geworden, und stimmten dem Projekt zu. 700 Menschen waren von der Umsiedlung betroffen und etwa 450 von ihnen waren Pehuenche Mapuche, die mit der Flutung ihres angestammten Landes nicht nur einen Teil ihrer Kultur und Tradition verloren, sondern auch einen Teil ihrer Geschichte mit untergehen sehen mussten. Rituelle Plätze, an denen sie ihre Traditionen lebten und Friedhöfe auf denen ihre Ahnen begraben liegen, wurden vom Wasser bedeckt.

Der Film „Apaga y vamonos“ beleuchtet die Situation der Pehuenche Mapuche, die damals umgesiedelt wurden und hinterfragt die Versprechungen, die damals seitens der Endesa España gegenüber den Mapuche Familien gemacht wurden. Der Betrug, den dieses Unternehmen im Einvernehmen mit der chilenischen Regierung an den Indigenen begangen hat und der entrüstete Widerstand der Mapuche, nachdem sie realisiert haben, dass sie belogen und um ihr Land betrogen wurden, ist erschreckend.

Aus diesen schrecklichen Erfahrungen haben viele gelernt und widersetzen sich gegen die geplanten Staudammprojekte.

So sagte Maria Eugenia Calfuñanco, werken der Gemeinden Carririñe und Vertreterin der indigenen Gemeinde Lof Liquiñe bei einem Interview folgendes: „Es existieren bereits unbestreitbare Beweise, wie z.B. Ralco, so dass die ganze Welt weiß, dass es falsche Versprechen sind, um uns zu betrügen. Ich weiß, dass sie mit uns das gleiche machen wollen. Sie wollen alle Möglichkeiten, sogar die radikalen ausschöpfen, damit sie ihr Projekt zusammen mit der Regierung vorantreiben können. Aber der Reichtum dieser Region gehört uns, durch das Recht unserer Ahnen. Wir Mapuche leben hier seit über fünftausend Jahren. Das kann man nicht mit den gerade mal 200 Jahren vergleichen, die der chilenische Staat feiern will.“


Dienstag, 26. August 2008

Mapuche heute

Mapuche heute- gefangen im gestern?

Augusto Pinochet Ugarte- allein der Name des Diktators erhitzt die Gemüter noch heute. Er ist und bleibt in der Geschichte Chiles ein quälender Stachel, den bis heute niemand ziehen konnte. Zu seinen Lebzeiten wurde der Diktator, der von 1973- 1990 eine grausame Gewaltherrschaft in Chile errichtete, nie rechtskräftig verurteilt. Die Leidtragenden, die Opfer von Verfolgung, Misshandlungen, Folter, Verschleppung, die Angehörigen von Ermordeten und oder Verschwundenen, viele von ihnen Mapuche, fordern Gerechtigkeit und Aufklärung.


Pinochets politisches Handeln hinterlässt in Chile vor allem für die indigenen Gemeinden der Mapuche einen allzu bitteren Nachgeschmack.


Ein Teil seines Erbes ist die Privatisierung der Wasservorkommen, die die Mapuche heute massiv beeinträchtigt. Staudämme wie Pangue und Ralco am Bío Bío- Fluss erscheinen wie eine Persiflage auf die Grenze des jahrhunderte langen Widerstandes des Mapuche Volkes. Denn einst war der Fluss Sinnbild für die entschiedene Gegenwehr der Mapuche gegenüber jeglicher Okkupationsversuche von Eroberern. Die Kriegsmacht der Inkas wie damals die der Spanier konnte über den Bío Bío- Fluss ihre Macht nicht ausbreiten.


In heutiger Zeit wurden die Mapuche allerdings von den großen Unternehmen, wie Endesa España und dem chilenischen Staat durch falschen Versprechungen betrogen. Sie wurden umgesiedelt, ihr altes Land wurde geflutet und die Staudämme errichtet. Sie wurden vertrieben von ihrem angestammten Ahnenland, von dort, wo sie seit Jahrtausenden ihre Traditionen, ihre Kultur lebten und ihre Toten begruben. Sie wurden zu Kriminellen gemacht, als sie verzweifelt versuchten ihr Land, ihre Geschichte, die sie mit diesem Land verbindet, zu verteidigen.


Das Anti- Terror- Gesetz, ein weiteres Überbleibsel der Diktatur, erlaubt es „Terrorverdächtige“ über Monate oder auch Jahre in Untersuchungshaft zu behalten. Meistens fallen diesem Gesetz politisch engagierte Mapuche zum Opfer, die für ihr Volk einstehen und mit Mitteln des zivilen Ungehorsams ihre Ländereien zurückfordern.


Das jüngste Beispiel ist die Inhaftierung der Filmemacherin Elena Varela López, die als Terrorverdächtige seit März fast ein halbes Jahr lang in Untersuchungshaft saß. Der Produzentin und Drehbuchautorin wird vorgeworfen Geldgeberin und Drahtzieherin von zwei Anschlägen im Jahre 2005 gewesen sein. Elene Varela arbeitete seit vier Jahren an einem Filmprojekt, das die Situation der Mapuche und ihren Konflikt mit den Forstgesellschaften zum Thema hat. In ihrem Dokumentarfilm „Newen Mapuche“ spricht sie mit vielen Betroffenen, vornehmlich Mapuche, deren Lonkos und Aktivisten die Notlage ihres Volkes beleuchten. Festgenommen wurde sie in ihrem Haus, alles wurde durchsucht und ihr gesamtes Filmmaterial der letzten Jahre konfisziert. Die Anschuldigungen gegen sie waren haltlos und so verkündete der Richter, dass kein belastendes Material gegen sie vorläge und entließ sie aus der Haft.


Die Landfrage bietet hochexplosiven Zündstoff. Gab man den Mapuche unter Allende fast 7000 ha Land zurück, so nahm man ihnen unter Pinochet weit mehr Land weg als sie erhalten hatten. Heutzutage müssen sich die Mapuche mit etwa 1 ha pro Familie zufriedengeben, wobei ausgerechnet wurde dass für die Subsistenzwirtschaft etwa 36 ha Boden von Nöten wären.


Die Landknappheit treibt viele Mapuchefrauen in die Städte, in denen sie versuchen sich als Nanas (Kindermädchen) oder Hausbedienstete durchzuschlagen. Dort, fernab ihrer Gemeinschaften und ihrer Kultur, verlieren sie ihre Traditionen und entfernen sich immer weiter von ihrem Volk. Auch die tagtäglichen Diskriminierungen durch die „Chilenen“, die die Mapuche Kinder bereits in der Schule erleiden müssen, tragen dazu bei, dass sich das Volk ihrer Traditionen und ihres Indígena- Seins schämen. Schulkinder werden wegen ihrer Mapuche Nachnamen und ihrer dunkleren Hautfarbe verspottet, sodass Eltern oftmals dazu neigen ihren Kindern spanische Namen zu geben und mit ihnen nicht mehr in ihrer eigenen Sprache, dem Mapudungun zu reden.


Ihre Sprache war in der Diktaturzeit verboten. Von den etwa eine Million Mapuche in Chile und den 250.000 in Argentinien sprechen oder verstehen heute etwa die Hälfte Mapudungun.


Obwohl sich die chilenische Gesellschaft größtenteils mit den Mapuche vermischt hat, bestehen die meisten auf ihren spanischen Vorfahren und bezeichnen die Mapuche als faule und dumme Trunkenbolde. Diese abschätzige Sichtweise auf die Indigenen hat sich in den Köpfen der Menschen, Chilenen wie Mapuche, so eingebrannt, dass viele ihre Wurzeln vehement leugnen und als eine Art Autoaggression die Vorurteile gegen Mapuche immer weiter tradieren. Im Ergebnis verschwindet die Mapuche Identität zusehend, da viele von ihnen keinen Sinn in der Erhaltung ihrer Traditionen sehen. Viele nehmen sogar den Standpunkt ein, dass ihre eigene Kultur veraltet und steinzeitlich sei.


Allerdings sind nicht alle dieser Meinung. Gerade junge Mapuche stehen immer häufiger und nachdrücklicher zu ihrer Herkunft. Diese neue Generation strebt die Wiedererlangung alter Werte und Traditionen an. Netzwerke werden im Internet weltweit von Tag zu Tag weiter gesponnen und die Interessenten und Unterstützer werden immer zahlreicher. Aufrufe gehen durch das World Wide Web, sich auf seine Wurzeln zu besinnen, selbst wenn man sich weit weg von Wallmapu oder Puelmapu, dem chilenischen bzw. argentinischen Land der Mapuche, befindet. Programme und Kurse per Internet werden gratis zum runterladen angeboten, um die Mapuche Sprache zu lernen und man wird ermuntert tiefer in die Kultur einzutauchen und gegen ihr Verschwinden anzukämpfen.

Mittlerweile blüht und gedeiht diese neue indigene Jugendbewegung und junge Künstler schließen sich in Künstlerkollektiven zusammen, um durch ihre Werke auf sich aufmerksam zu machen. Zum Beispiel entstehen neue Bands, die in Mapudungun rappen, Gedichtwettbewerbe, die auf Mapudungun ausgetragen werden sollen, werden ausgeschrieben oder es werden neue Kulturzentren ins Leben gerufen.


Das Erbe Pinochets wiegt bis heute schwer, doch hält es die immer größer werdende Mapuche Bewegung nicht auf, ihren Kampf für Identität, Land und Gerechtigkeit weiterzuführen.